Glück ist, was du draus machst

22.03.2016. |  Veröffentlicht von Bruketa&Zinic OM Wien, Sonstiges: Ausstellungen

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Stefan Sagmeister ist ohne Zweifel einer der Popstars unter den Designern. Er illustrierte für namhafte Zeitschriften wie Print oder idea, entwarf Albumcover für die Rolling Stones oder Lou Reed. In seiner Ausstellung “The Happy Show”, die zuvor schon in Paris und New York zu sehen war, ist er derzeit im MAK in Wien zu Gast und stellt die Besucher dabei vor die existentielle Frage: Wann sind Sie eigentlich glücklich?

Spencer Ferguson Silver aus San Antonio in Texas hatte einen Plan. Der promovierte Chemiker sollte 1968 im Auftrag seiner Firma einen extra-starken Klebstoff entwickeln. Heraus kam nach monatelanger Arbeit eine klebrige Masse, die sich von allen Materialien sehr schnell wieder lösen ließ.

Ein Kleber, der nicht klebt. Er verkaufte das wenig erfolgsversprechende Patent und sah Jahre später seinen Kollegen Art Fry die Formel wieder aufnehmen. Mithilfe von Silvers Klebstoff erfand Fry kleine selbstklebende und leicht zu lösende Zettelchen mit Welterfolg: Die Post-Its.

Was ist Glück? Wie definieren wir das?

Kaum ein Begriff ist so dauernd präsent im Alltag wie das Glück. Und trotz aller Redewendungen ist kaum einer zugleich schwieriger zu fassen und entzieht sich standhaft einer allgemeinen Definition. Ist es eine gute Idee zur richtigen Zeit? Ein sicherer Arbeitsplatz? Eine feste Beziehung? Sechs Richtige im Lotto? Und wann ist man dann eigentlich glücklich? Wenn man den letzten freien Parkplatz erwischt? Oder einfach wenn dir jemand fremdes einen guten Witz auf dein Handy schickt?

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Betritt man die Ausstellung im Museum für Angewandte Kunst fällt neben dem überlebensgroßen weißen Affen (der auch schon 2011 in der Kunsthalle zu sehen war), ein kleiner roter Knopf ins Auge. Kaum gedrückt spuckt der angeschlossene Automat eine Visitenkarte mit Handlungsanweisung an den Besucher aus. Glück gehört verteilt:

“Lassen Sie während der Ausstellung ihren Hosenschlitz offen!”

oder:

“Schicken Sie per SMS einen Witz an folgende Nummer: …”

Angegeben hat Sagmeister seine eigene Telefonnummer. Auch ein vielbeachteter Designer braucht manchmal einen kleinen Moment der Erheiterung.

1993 gründete Sagmeister sein Design-Studio in New York unter dem Titel Sagmeister Inc. 2012 holte der die junge New Yorkerin Jessica Walsh hinzu. Seither läuft die Agentur unter dem Namen Sagmeister & Walsh.

Auf den Pressebildern zur Kollaboration zeigten sich die beiden textillos, splitterfasernackt. Dazu gab es das Agentur-Motto: “We will do anything for design”. Sagmeister provoziert und überrascht gerne, tatsächlich versucht er aber den Begriff Design nicht nur auf Werben und Verkaufen reduzieren zu müssen.
Ich habe nichts gegen Verkaufen (meine Eltern waren beide Verkäufer), aber ich erhoffte mir eine persönlichere Form, mit einem Publikum zu sprechen.”

So gleichen die Räume im MAK einem Spielplatz voller Kleinigkeiten, in denen sich der kreative Kopf in seiner kindlichen Ernsthaftigkeit austoben durfte, wenn beispielsweise ein Stromkasten mit einer Sprechblase versehen wird und dann sagt: “I’m so excited, I just can’t hide it.”

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Die spielerische Ausstellung hält für den Besucher viele aktivierende Momente bereit: auf einem Fahrrad, an einem Kaugummiautomaten oder am Maltisch (“Zeichnen Sie ein glückliches Tier!”). Sie hätte allerdings auch konsequent “The Stefan-Show” genannt werden können, verarbeitet Sagmeister doch kontinuierlich seine biografischen Erfahrung und Auseinandersetzungen mit dem persönlichen und kollektiven Glück.

So gesehen verkauft und vermarktet er sich doch wieder selbst und seine Profession. Aber diesen Widerspruch verzeiht man bei diesem spannenden und erheiternden Blick auf die eigene Glücksgeschichte.

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Sagmeister hält der Glückswelt einen Spiegel vor und bemüht dabei viele Statistiken: Laut einer Studie, die er zitieren lässt, ist ein Mensch ab einem Jahresgehalt von 85.000 Dollar so sorgenfrei und glücklich, dass sein Glücksempfinden nicht mehr mit einem höheren Salär steigen kann.

Sein persönliches Glück findet Sagmeister hingegen alle sieben Jahre. In einem siebenjährigen Turnus legt er alle Projekte und Arbeiten bei Seite und bestreitet eine 12monatige Auszeit. Im nächsten Jahr ist es wieder soweit.

Die interaktive, selbstreflektive Ausstellung führt dann schon etwas zu plakativ zu der trivialen Erkenntnis: Glück ist, was du draus machst. Und vielleicht auch, was du dir leisten kannst.

Wer Stefan Sagmeister live erleben möchte: Stefan Sagmeister ist als Sprecher zu Gast auf dem Forward Festival für Kreativität, Design und Kommunikation. Freitag, 07. April 2016 – 20:15 Uhr Gartenbaukino Wien.

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Text: Simon Weyer, Bruketa&Zinic OM Wien

Foto: © MAK/ Aslan Kudrnofsky und Simon Weyer

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